Zwischenräume



 Ortswechsel


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Es gibt mehr Fragen als Antworten; denn aus jeder Antwort erwachsen neue Fragen. Draußen springt automatisch in unregelmäßigen Abständen eine Pumpe an, brummt mechanisch bis in regelmäßigen Stößen Grundwasser aus einem Rohr ins leere, betonierte Flussbett platscht und stellt sich wieder ab; Geräusche überlagern, vermischen sich; diese Morgenmusik holt einen aus dem Schlaf. Das Fenster steht auf Kippe, die frische Morgenluft ist angenehm kühl. Der Tag graut. Es wird Zeit aufzustehen. Die Wohnung liegt im ersten Geschoß eines neuen Baublocks inmitten einer Stadt mit Geschäften, Büros, Volkshochschule und Wohnungen um einen offenen Innenhof an einem schmalen Fluss über einer zehngeschossigen Tiefgarage auf einem Grundstück, das nach 1945 als Parkplatz und im Mittelalter als Friedhof diente. Die Reste des Friedhofs samt den Gebeinen liegen auf der Müllkippe im Abraum der Baugrube. Um Baukosten zu sparen, wird das anfallende Grundwasser ständig abgepumpt. Der Grundwasserspiegel der Altstadt ist erheblich gesunken. In Kirchengewölben, Wänden, Böden auch der Universitätsbauten entlang des kleinen Flusses klaffen Risse. Einige der Universitätsgebäude sind Beispiele der westdeutschen Nachkriegsmoderne aus den 1950ziger Jahren. Die Jahre 1933-1945 zählen nicht zur Moderne. Sie werden gern überbrückt oder untertunnelt. Eine Stahlbetonbrücke führt über den Abgrund, ein Stahlbetontunnel bohrt sich durch das Hindernis dieser Jahre. Beide Konstruktionen verbinden im gegenläufigen Sinn einer Geschichte zwei identische Standpunkte, die Vorkriegs- und Nachkriegsmoderne. Die Stahlbetonbrücke der Moderne bietet Blicke tief in den Abgrund, hoch in den Himmel, weit auf den Horizont; der Stahlbetontunnel der Moderne führt aus dem dunklen Berg in das Licht der Vorkriegs- oder Nachkriegsmoderne. Das ist nicht die Industriearchitektur des 19. Jahrhunderts. Die Ingenieurtechnik des 20. Jahrhunderts kennt weder Abgründe noch Hindernisse. Sie wirft ihr Verkehrsnetz über die Landschaft. In diesem Netz aus Autobahnen, Brücken, Tunneln, Flughäfen, Parkplätzen, Bahnhöfen, Sackgassen, Wendehämmern, Tiefgaragen, Schul-, Einkaufs-, Wohn-, Sport-, Freizeit-, Kino-, Büro-, Eros-, Bildungs-, Kultur-, Gesundheits- und Gemeindezentren verfangen sich die Menschen. Die technischen Ausrüstungen und industriellen Ausstattungen dieser Infrastruktur sind Bühnen für das symbolische Schauspiel des Verkehrs im alltäglichen Totaltheater moderner Lebenswelten. Verkehr heißt ständiger Ortswechsel im Manövergelände der Moderne mit Pausen im Centergrill oder auf Raststätten, Denkmale eines Exile on main street, das passt. Alles verkehrt herum, dreht sich im Kreis wie eine Mühle, ein Rad, ein Karussell auf einer Kirmes. Dorthin, hierher, vorwärts, zurück, voran: Es geht in alle Richtungen, eins fließt ins andere, aus welcher Kraft mit welchem Ziel?  Es fehlen Worte, um das zu beschreiben, was sich ereignet. Ansiedlung, Behausung, Erschließung, Restfläche benennen reale Sachverhalte, ersetzen aber nicht Namen wie Stadt, Haus, Straße, Garten. Diese Namen dienen der Liturgie eines säkularen, wirkmächtigen Glaubens an die Allmacht der Technologie nur noch als Reliquiare verwaister Lebenswelten. Die Namen sind nicht die Dinge. Was die Dinge sind und bedeuten, das ist immer zweierlei: das, was sie sind, bleibt ein Rätsel und das, was sie bedeuten, Erscheinung. Über Rätsel und Erscheinung lässt sich trefflich mutmaßen. Wiederaufbau spiegelt Zerstörung.Der unbeschadete Mythos der Moderne gründet auf den Erscheinungen ihrer Maschinenwelt im Rätsel der Technologie. Führt diese Vorstellung, was den Ausblick, Rückblick und den Abgrund der Moderne betreffen, ins Leere oder in die Geschichte?


Der Spiegel im Bad zeigt ein unrasiertes, junges Gesicht: verweigern wir Jungen das Erbe der Alten? Der Weg nach oben und unten, ist ein- und derselbe, zitiert Ian Hamilton Finlay auf einem Schild Heraklit am Fuß des vereisten Weges hinauf zu seinem Haus auf einem Hügel in Schottland, Winter 1979, damals mit Bill und Axel im kalten Mondlicht und Wind. Unabhängig davon wie ein Weg erlebt wird, er verbindet Orte, führt von hier nach dort, ermöglicht Ortswechsel. Er ist nicht immer die kürzeste Strecke zwischen A nach B. Was gilt es in Wert zu setzen? Theodor W. Adorno schließt seinen Text „Asyl für Obdachlose" mit dem Satz „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“ und stellt einige Zeilen vorher fest: „Das Haus ist vergangen. Die Zerstörungen der europäischen Städte ebenso wie die Arbeits- und Konzentrationslager setzen bloß als Exekutoren fort, was die immanente Entwicklung der Technik über die Häuser längst entschieden hat. Diese taugen nur noch dazu, wie alte Konservenbüchsen fortgeworfen zu werden. Die Möglichkeit des Wohnens wird vernichtet von der sozialistischen Gesellschaft, die, als versäumte, der bürgerlichen zum schleichenden Unheil gerät. (…) Aus der Entfernung ist der Unterschied von Wiener Werkstätten und Bauhaus nicht mehr so erheblich. Mittlerweile haben die Kurven der reinen Zweckform gegen ihre Funktion sich verselbständigt und gehen ebenso ins Ornament über wie die kubistischen Grundgestalten." Tradition bedeutet für Gustav Mahler ein Feuer, die Asche nicht. Ist das Feuer erloschen? Prometheus stiehlt den Göttern das Feuer und schenkt es den Menschen, die Vestalinnen hüten es nicht mehr. Im Symbol des brennenden Dornbusches jedoch offenbart  sich das Geheimnis des immerwährenden Lebens. Hinter dem ruhigen Blick der Augen erwacht ein Labyrinth aus Gedanken und Fragen. Wo liegt die Verantwortung?


Die Dreizimmerwohnung mit Loggia über einer Tiefgarageneinfahrt und Blick auf die Universität, den kleinen Fluss, die Brücke und die breite Straße, die den Stadtkern erschließt, ist nach Westen ausgerichtet. Das größte Zimmer endet mit seiner vollverglasten, kurzen Seite an der Loggia. Es dient mit dem Einbauschrank und der Durchreiche neben der Küchenzeile als Ess- und Arbeitszimmer, das mittlere Zimmer am anderen Ende des Flurs als Salon, das kleine Zimmer zum Schlafen. In der Tiefgarage stehen die Autos und auf dem Innenhof jedes Jahr in der Adventszeit die Buden vom Weih- nachtsmarkt. Dann und an Samstagen bilden Autos vor den Einfahrten lange Schlangen, Menschen stürmen die Einkaufsstadt mit einem mächtigen Dom in ihrer Mitte. Jetzt ist es April und wieder Frühling. Die Natur erwacht. Von Winterschlaf kann keine Rede sein. Seit 2 Jahren selbstständig, gibt es für einen Architekten viel zu tun, regionale und internationale Projekte von der Bauleitung bis zu Ausstellungen im In- und Ausland. Im März macht jemand ein Angebot über das Telefon: Wenn Sie Interesse haben, in Bagdad als Architekt und Stadtplaner tätig zu werden, dann kommen Sie bitte nach Berlin (West) und bewerben sich mit ihren aktuellen Arbeiten. Das klingt verführerisch im Ohr wie der Sirenen Gesang, der alles verändert. Es muss schnell gehen. Frauen mit Kopftüchern, bärtige Männer mit Gebetskappen sitzen im Flugzeug von Hannover nach Berlin-Tegel; ein Hut dient als Erkennungszeichen; das Taxi fährt durch Berliner Straßen, hält vor einer prachtvollen Gründerzeitfassade. Das Leben hinter diesen Fassaden beschreibt Robert Musil treffend in seiner Erzählung Die Amsel (Nachlaß zu Lebzeiten 1936): „Zu den sonderbarsten Orten der Welt – sagte Azwei – gehören jene Berliner Höfe, wo zwei, drei, oder vier Häuser einander den Hintern zeigen. (…)  Da hinaus und hinab sehen nun die Küchen und Schlafzimmer; nahe beieinander liegen sie, wie Liebe und Verdauung am menschlichen Körper. Etagenweise sind die Ehebetten übereinander geschichtet; denn alle Schlafzimmer haben im Haus die gleiche Lage; und Fensterwand, Badezimmerwand, Schrankwand bestimmen den Platz des Bettes fast auf den halben Meter genau. Ebenso etagenweise türmen sich die Speisezimmer übereinander, das Bad mit den weißen Kacheln und der Balkon mit dem roten Lampenschirm. Liebe, Schlaf, Geburt, Verdauung, unerwartete Wiedersehen, sorgenvolle und gesellige Nächte liegen in diesen Häusern übereinander wie die Säulen der Brötchen in einem Automatenbüfett. Das persönliche Schicksal ist in solchen Mittelstandswohnungen schon vorgerichtet, wenn man einzieht. Du wirst zugeben, daß die menschliche Freiheit hauptsächlich darin liegt, wo und wann man etwas tut, denn was die Menschen tun, ist fast immer das gleiche: da hat es eine verdammte Bedeutung, wenn man auch noch den Grundriß von allem gleich macht." Ist diese Aussage eine verdeckte Frage?


Auf einem Tisch inmitten eines hohen Zimmers einer Beletage werden Pläne ausgebreitet, Projekte vorgestellt. Für das Stadtsanierungsprojekt Al Karkh in Bagdad wird dringend ein senior urban planer and architect gesucht. Es ist umgehend ein zweiter Reisepass für den Irak zu beantragen, der mit dem unterzeichneten Arbeitsvertrag zur Irakischen Botschaft nach Bonn geschickt wird, um schnellstmöglich eine Einreisevisum samt Aufenthaltsgenehmigung zu erwirken. Ein Hinflug nach Bagdad kann nur mit Vorlage des Passes und Visums gebucht werden. Das Angebot, als Architekt in der islamischen Welt zu arbeiten, kommt unerwartet. Bevor es angenommen wird, gibt es einiges zu bedenken und zu regeln. Anfang des kommenden Jahres geht es als Stipendiat für ein Jahr nach Rom. Dann soll das Projekt in Bagdad abgeschlossen sein. Zum Abschluss des Treffens wird das Gelände der Internationalen Bauausstellung besucht. In West Berlin  bemühen sich Architekten um eine behutsame Erneuerung der historischen Bausubstanz und um eine kritische Rekonstruktion des tradierten Stadtgefüges auf den Nachkriegsbrachen nahe der Berliner Mauer. Jene versuchen, die Diktatur des Rechtecks zu überwinden, dem Ganzen auch in seinen Teilen mehr Schwung zu verleihen; diese analysieren, zitieren und wandeln klassische Architekturmotive spielerisch ab; andere entwickeln eine neue Urbanität; einigen ist das Quadrat heilig. Alle sind Gegner der funktionalen Stadt und Architektur der Nachkriegszeit, die in Berlin ausgedient haben. Viele von ihnen sind namhafte Vertreter einer internationalen Architekturavantgarde, die Paolo Porthogesi auf der Architekturbiennale „Die Gegenwart der Vergangenheit“ 1980 in Venedig vorstellt. Sie sprechen von der Architektur der Stadt. Sie streiten in internationalen Architekturzeitschriften um Ziele, Programme, Methoden, Visionen und Formen des neuen, postmodernen Städtebaus. Sie suchen die Zukunft in Vergangenem. Was an ein Bonmot von Diderot erinnert: Die Antike von heute ist die Moderne von gestern, die Moderne von heute die Antike von Morgen. Was wurde nicht alles  schon gesagt, gebaut, zerstört, wiederaufgebaut, umgebaut, modernisiert, abgerissen, vergessen, erinnert, verachtet, gelobt, verboten und gefordert. Berlin ist ein Name, der Name einer Stadt. Die Stadt ist ein Objekt. Das Objekt ist eine Projektion. Die Projektion ist eine kritische Rekonstruktion. Gilt das auch für Bagdad? Bagdad ist nicht Berlin, es sind 2 Namen, die unterschiedliches bedeuten. Darüber gilt es nachzudenken. Es ist nicht mehr weit zur Wohnung von Freunden in der Nähe des Kurfürstendamms. Dort wird gegessen, getrunken und gefeiert. Die Nacht ist kurz. Das Studium vor wenigen Jahren an der von Otto Königsberger gegründeten DPU (Development Planning Unit) in London bietet sicherlich gute Voraussetzungen, sich der neuen Aufgabe zu stellen. Es gibt keinen Grund, das Angebot auszuschlagen, sich zu versagen. Schlaftrunken, wenn nicht betrunken, löst diese Gewissheit Tränen aus. Bagdad heißt Geschenk Gottes. Was bedeutet dieser Name?


Das Duschen im fensterlosen Badezimmer entspannt den Körper, der harte Strahl des kalten Wassers weckt Sinne und Verstand. Was steht jetzt an? Wo wird heute Nacht geschlafen? Der neue, leichte, taubenblaue Sommeranzug passt und ist bequem. Am Tigris im Zweistromland wird von Europäern ein seriöses Auftreten in entsprechender Kleidung trotz der um diese Jahreszeit bereits sehr hohen Temperaturen erwartet. Auf der Liste des Antrags zum Einreisevisum werden die Vorlage einer ärztlichen Bescheinigung über die körperliche Tauglichkeit zum Aufenthalt in subtropischen Breitengraden gefordert, Sonnenbrille und Kopfbedeckung zum Schutz gegen die gleißende Sonne wie ein Besuch beim Zahnarzt empfohlen; denn die zahnärztliche Versorgung ist dort schlecht. Nun fehlt ein Weisheitszahn, die Zunge gleitet über die frische Zahnlücke. Auf dem runden weißen Tisch im Wohn- und Arbeitszimmer steht das Frühstück. Das ist noch wichtig zu wissen: Es ist nur ein Hinflug gebucht, die Rückkehr ungewiss. Die Möglichkeit, sich in Bagdad zu besuchen, wird nicht ausgeschlossen. Dann muss rechtzeitig ein Einreisevisum beantragt werden. Der Planungsteamsprecher ist zusammen mit seiner Frau inBagdad. Er stammt aus dem Orient und ist in Westdeutschland aufgewachsen. Mehr gibt es nicht zu besprechen. Die Zebrafinken pfeifen und hüpfen aufgeregt im Käfig hin und her, von rechts nach links, von links nach rechts. Die Zeit drängt. Der große, grüne Reisekoffer wird geschlossen, der neue Reisepass mit dem Einreisevisum und das Flugticket kommen in die linke Jackentasche, das Schweizer Messer mit Korkenzieher und Schere, ein Geschenk zum Abschied, gleitet in die rechte Hosentasche. Der blaue Princess-Leyland mit Vorderradantrieb bleibt in der Tiefgarage. Zusammen geht es mit dem Taxi zum Bahnhof. Der Zug ist leer. Das Umarmen im Abteil ist ein kurzes Innehalten, der Abschied.Es wird schwierig sein, sich zu verständigen - vielleicht ist es möglich, gleich morgen früh ein Telegramm aufzugeben oder zu telefonieren. Wer das Abteil verlässt, der bleibt zuhause. Wer im Abteil bleibt, der reist ab. Ein kurzer Pfiff dringt scharf durch das offene Abteilfenster, der Zug zieht an, nimmt Fahrt auf. Das Bild läuft weg, entzieht sich dem Blick: Stehen, winken, sich voneinander entfernen, sich aus den Augen verlieren, hier verschwinden, um woanders anzukommen. In Duisburg geht es mit der S-Bahn zum Flughafen Düsseldorf, von dort mit dem Flugzeug nach Frankfurt. Auf welche Wege führt diese Reise?


Bagdad, Iraki Airways, planmäßiger Abflug 18 Uhr, Check-In 14 Uhr steht auf der großen Anzeigetafel in der Eingangshalle des Flughafens Frankfurt. Ausländische Fluglinien können Bagdad nicht mehr anfliegen, seitdem Saddam Hussein Krieg mit dem Iran führt. Aus Sicherheitsgründen erfolgen Flüge von und aus Bagdad nur nachts. Dort gelten zwingend ein von der Armee überwachtes absolutes Verdunklungs- und Ausgehgebot. Es gibt pro Woche lediglich eine Verbindung mit Iraki Airways von Bagdad nach Frankfurt und zurück:  Die Flüge sind überbucht.  Nur gute Beziehungen in den Irak machen es möglich,  Flugkarten zu bekommen. Rückflüge nach Westeuropa können ausschließlich in Bagdad gebucht werden. Es ist noch Zeit, sich umzuschauen. Der Flughafen ist ein moderner Zweckbau, Werkform – nicht Kunstform, großzügig und offen: Nicht mehr Fassade - sondern Haus, nicht mehr Haus – sondern geformter Raum, nicht mehr geformter Raum – sondern gestaltete Wirklichkeit, schreibt Adolf Behne 1923. Auf dem Weg durch die gestaltete Wirklichkeit der noch leeren Hallen grüßt das Reinigungspersonal in seinen taubenblauen Arbeitsanzügen freundlich den Passagier im taubenblauen Sommeranzug als wäre er einer von ihnen. Dann ist es 14 Uhr. Die Deutsche Bundesregierung hat der Abfertigung durch irakisches Sicherheitspersonal auf ihrem Territorium zugestimmt, um die Projekte im Irak, an denen westdeutsche Firmen und ihre Mitarbeiter beteiligt sind, aufrechtzuerhalten. Den Check-In überwachen stumm Männer. Sie tragen paramilitärische Kleidung, mächtige Schnauzbärte; ihre Augen unter dichten Brauen drohen. Was hat das zu bedeuten? Die Reise geht in ein Land, das ein Diktator beherrscht. Beginnt der Machtbereich eines despotischen Regimes, das weder Bürgerrechte noch Freiheit kennt, auf dem Boden eines demokratischen Staates? Drohen hier seine Willkür und Gewalt?


Freunde aus London hatten ausdrücklich gewarnt. John schreibt Ende März: “…Zu Deiner Einladung nach Bagdad gratulieren wir Dir vom Herzen und halten das auch für einen ungewöhnlichen und verlockenden Erfolg. Allerdings habe ich so meine Bedenken wegen des Iraks, der schon seit Jahren als das politisch unzuverlässigste arabische Land gilt, eine Situation, die sich seit dem iranisch-irakischen Krieg nicht gerade gemildert und eher – leider! – verschärft hat durch den Krieg mit dem um nichts weniger als unangenehmen Iran mit seinem Ayatollah Chomeini. Die Zeitungen haben da wahrhaftig nichts Gutes zu melden, eine Probe aus dem gestrigen ‚Guardian‘ lege ich bei. Ich will Dir gewiß eine so großartige Aussicht nicht vermiesen und hoffe sehr, daß meine Vorsicht nur freundschaftlich-ängstliche Übervorsicht ist, aber gerade das festzustellen, wenn es nicht schon geschehen ist,  bitte ich Dich dringend, bevor Du eine bindende Zusage machst. Ich glaube also, daß Du Dich mit dem Auswärtigen Amt in Bonn beraten solltest, schon um gesichert zu sein, wenn es plötzlich zu Unruhen oder gar zu kriegerischen Handlungen in oder Bagdad und entlang des Tigris kommen sollte. Wie schon gesagt, hoffe ich aber, daß alles in Ordnung ist. Nur willich mich meiner Sorgen wegen lieber von Dir auslachen lassen, als daß ich mir nachher Vorwürfe wegen meines Leichtsinns machen müßte. …". In dem beigefügten Zeitungsartikel steht zu lesen: „Victory claim by Iran, from David Hirst in Teheran, Guardian 29.3.1982, The Gulf war appears to be swinging strongly in Iran’s favour as Teheran yesterday claimed more big successes on the seventh day of its offensive. The military gains are accompanied by a growing political offensive, the theme of which is that with the eventual downfall of President Saddam Hussein and his ruling Baathists, Iraq must set up an Islamic Republic on the Ayatollah’s model. (…) According to yesterday‘s bulletin, two Iraqi brigades, number 421 and 96, were knocked out, and among those taken prisoner were the commander of brigade 421, Colonel  Sabah Karim Ahmed, and the deputy, Colonel Mohammed Mahmoud Ahmed.(…) In what Arab supporters of Iraq will see as a very ominous statement of intent, President Ali Khamenei of Iran yesterday received „Iraqi religious leaders residing in Iran“ and told them that „no government or nation on earth has as much right as Iran to be concerned with the future of Iraq. There is no difference between Iraq and Iran, joined by natural, traditional and Islamic bonds. Iraq’s future is the same as Iran’s, under the guidance of the Imam, for whom there are no geographical frontiers. (…). Diese Nachrichten sind zwei, drei Wochen alt. Die telefonischen Auskünfte des Auswärtigen Amtes in Bonn sind den Umständen entsprechend mehrdeutig. Was stimmt und was ist Kriegspropaganda? Sind die iranische Armee und revolutionären Garden weiter ins irakische Gebiet vorgestoßen? Wo verläuft die Front heute? Wird nicht ein Zweifrontenkrieg an der Nord- und Südgrenze zum Iran geführt?


  Hier am Schalter erneut zu räsonieren, wohin der eingeschlagene Weg ins Ungewisse führen wird, das ist jetzt nicht hilfreich, standzuhalten hingegen schon. Die Schnauzbärte sind Boten des Irakischen Geheimdienst aus Bagdad, durchsuchen das Gepäck, weisen in gebrochenem Englisch die Passagieren herrisch an, den Bus zum Flugzeug zu besteigen. Was erwartet einen dort, le départ ou une deportation? Die Abreise aus Deutschland in den Irak an diesem Aprilnachmittag auf dem Rollfeld des Frankfurter Flughafens erinnert in vielerlei Hinsicht an die Umstände eines Ortswechsels im historisch belasteten, deutschen Wortsinn. Es ist still, die Sonne scheint. Neben der Welt der Gegenstände gibt es eine Welt des Sichtbaren, meint August Endell. Seiner Meinung nach malt Édouard Manet im Bild „Spargelbündel“ (1880) das Sichtbare, nicht den Gegenstand.  Die Welt des Sichtbaren nicht aufzugeben, hieße standzuhalten. Was ist das für ein Vogel? Zwergen gleich stehen mehrere Hundert Passagiere verängstigt vor einem riesigen Fluggerät. Die Maschine ragt mit einer Spannweite von fast 60 Metern, einer Länge von über 70 Metern, einer Rumpfhöhe von ca. 8 Metern auf seinem Fahrgestell am Ende seiner Schwanzflosse auf annähernd 20 Meter einem Flugsaurier gleich bedrohlich vor ihnen auf. Eingeschüchtert wartet die Menge auf dem Rollfeld vor einem wahllosen Durcheinander von unzähligen Koffern, Taschen, Bündeln in unterschiedlichen Farben, Formen, Größen. Die bagage versperrt den geraden Weg zur Flugzeugtreppe. Ähnelt die wilde Ordnung dieses Hindernisses aus Gegenständen und Zwischenräumen dem Labyrinth eines fiktiven, orientalischen Stadtgefüges? Im Halbdunkeln hinter der weit geöffneten Kabinentür am Ende der Flugzeugtreppe lauert eine große Gestalt. Was kommt als nächstes?


Ein finsterer Schnauzbart befiehlt grimmig, das Gepäck auf dem Rollfeld zu identifizieren. Wer an die Reihe kommt, der läuft allein vor aller Augen solange durch die schmalen Gassen hin und her, bis er seine Koffer und Taschen irgendwo unter all den anderen Koffern und Taschen gefunden hat, zeigt mit dem ausgestreckten Arm drauf, um dann die Treppe ins Flugzeug hinaufzusteigen. Oben auf dem Podest angelangt befiehlt der Wächter der Flugzeugtür stehenzubleiben, durchwühlt das Handgepäck, tastet Kleider und Körper ab, findet das Schweizer Taschenmesser, begutachtet es freudig wie sein Spielzeug, klappt die Klinge raus und rein, um es sich dann mit dem Hinweis You get it back in Bagdad in die Tasche zu stecken. Der Dieb von Bagdad entwaffnet den Passagier. Er nimmt sich, was er will. Widerspruch ist kuinzig; dies ist der Flug nach Bagdad, ein Feldweg nicht. Der Wärter bestimmt. Er ist der Stellvertreter des Diktators, ein verlässlicher Arm seiner archaischen Gewalt. Niemand im Flugzeug wagt, sich seiner Order zu widersetzen. Dem Opak (Ordnungspolitisch aktives Kommando) ist strikt Folge zu leisten. Der Platz inmitten der Passagiere bietet einen guten Überblick. Mit der wachsenden Zahl der Passagiere im Flugzeug vermindert sich die Zahl der Gepäckstücke auf dem Rollfeld, bis schließlich ein letzter Koffer herrenlos auf dem Rollfeld zurückbleibt: ein Koffer, kein Passagier, ein Anschlag?

Alle sitzen gespannt auf ihren Plätzen, warten auf das, was kommen mag. Niemand meldet sich auf die Nachfrage über die Kabinenlautsprecher, wem dieser Koffer auf dem Rollfeld gehört. Dann rast ein Bus heran, ein Mann springt heraus, zeigt auf den Koffer, rennt die Treppe hinauf ins Flugzeug. Alle schauen zur Tür. Der letzte Mann wird durchsucht, tritt ein, nimmt Platz. Die schweren Flugzeugtüren werden langsam zugezogen, geschlossen, verriegelt, die Turbinen angelassen, das Gefängnis rollt auf Startposition. Mit seiner Startmasse von über 333 Tonnen beschleunigt das Fluggerät vollbeladen auf eine Startgeschwindigkeit von 385 km/h, hebt bleiern von der Erde ab, steigt mühsam allmählich höher in den leeren Himmel über Mainhattan, dreht ab in Richtung Südosten und nimmt mit 30 Minuten Verspätung Kurs auf Bagdad. Wann wird es dort landen?


Die Sonne versinkt. Im Westen färbt sich der wolkenlose Himmel silbrig blau, goldgelb, im Osten kalt grau, tief schwarz. Je dunkler es draußen wird umso heller scheint das künstliche Licht in der 6 Meter breiten und 2,50 Meter hohen vollbesetzen Großraumkabine. Es ist ein Flug in die Nacht. Die 4 Turbinen summen. Die Passagiere, Bauarbeiter, Ingenieure, Berater, unter ihnen kaum eine Frau, wirken allesamt verschlossen, schweigen ängstlich während des fast 6 Stunden dauernden Nachtflugs. Sie tragen weder Bärte noch Gebetkappen oder Kopftücher. Es ergibt sich ein Gespräch mit einem Mitreisenden auf dem Nebensitz, der ebenso freundlich wie beiläufig einiges über sein Leben und seine Arbeit als Elektroingenieur irgendwo in der leeren Ödnis der Wüste südlich von Bagdad erzählt.  Man wohnt dort in Blechcontainern.  Vorne wird die Leinwand runtergelassen, irgendeine amerikanische Komödie mit Jerry Lewis gezeigt. Gibt es einen Grund zu lachen? Jerry schneidet Fratzen, rennt hinter Blondinen her. Das langweilt. Groucho mit langer Zigarre unter aufgemaltem Schnauzbart, Harpo mit Hupe, Chico am Piano: Die Anarchie der Marx-Brothers wäre sicherlich unterhaltsamer.Was kommt als nächstes? Kopfhörer werden aufgesetzt. Die Leinwand ist zu weit entfernt, um dem Film zu folgen; die Dialoge im Kopfhörer passen nicht zu den Bildern. Es wird auch Musik angeboten: Ludwig van Beethovens 5.Sinfonie – pathetisch, kraftvoll, rhythmisch, populär: Leitmotiv der Filmmusik Der längste Tag, Invasion in der Normandie von Maurice Jarre, das die Niederlage der Wehrmacht ankündigt als vor der Küste der Normandie im Dunst des Horizonts die Armada der alliierten Flotte auftaucht; warum nicht Gustav Mahlers 5.Sinfonie mit dem Trauermarsch als Ouvertüre oder Anton Bruckners 9.Sinfonie oder Charles Ives 4.Sinfonie Central Park in the dark?; dann Wolfgang Amadeus Mozarts Haffner Sinfonie, feurig und geschwind; auch Rock & Pop wird angeboten: Daryl Hall und John Oates singen Everytime you go away you take a piece of me with you, private eyes they're watching you, I can’t go for that, no, no. Operettenhafte Hochzeitsnacht im Paradies: So stell ich mir die Liebe vor, ich bin nicht mehr allein, Zarah Leander oder Peter Alexander. Man weiß, es wird kein Wunder geschehen. Die Zeit verfliegt langsam mit einer Geschwindigkeit von 895 km/h bis die Turbinen gedrosselt, das Kabinenlicht ohne Ankündigung aus-, die Notbeleuchtung eingeschaltet werden. Nervös eilt das Flugpersonal durch die Reihen, schließt die Fensterluken. Der Sinkflug auf Bagdad beginnt. Es wird ganz still im vollbesetzten Flugzeug als spürten die Menschen, was sie erwartet. Sicher kehren einige Passagiere nach einem Heimaturlaub zurück auf die Baustellen an der Haifa Street, die neue breite Magistrale durch Al Karkh, den historischen Stadtbezirk gegenüber Rusafa am Südufer des Tigris mit der britischen Botschaft in der alten Sultanei des ehemaligen osmanischen Reiches an der Ahrar Brücke. Die Stadtsanierung von Al Karkh leitet ein irakischer Architekt in Zusammenarbeit mit einem internationalen Planungskonsortium aus Stadtplanern, Architekten und Fachingenieuren. Das Projekt hat im letzten November begonnen. Die Bestandsaufnahme liegt vor. Es hat Streit im Planungsteam gegeben. Einige Mitglieder sind gegangen, neue Mitarbeiter kommen. Der Sinkflug ins kriegsverdunkelte Bagdad zieht sich mittlerweile über eine halbe Stunde hin. Worüber hat das Planungsteam gestritten, ist der Streit beendet?


Die Turbinen pfeifen, die Passagiere in der riesigen Röhre werden Mucksmäuschen still. Bilder überblenden Gedanken an einen Spaziergang am Vortage in der Frühlingssonne am Abhang eines Waldes; vor den Augen liegen grüne Felder, am Horizont steht im Gegenlicht ein Kirchturm, Kühltürme eines Atomkraftwerkes rauchen in weiter Ferne. Dann kracht das Fahrwerk aus dem Rumpf, seine Räder berühren das Rollfeld, die schwere Fracht landet, die Maschine bremst hart ab, fährt langsam auf Position. Es ist Mitternacht. Die Passagiere warten nervös in dem engen, übervollen Gefängnis, übermüdet vom stundenlangen Sitzen, verschwitzt von der verbrauchten, sauerstoffarmen Luft. Die Turbinen werden abgestellt. Endlich öffnet der gefährlich dreinblickende Wächter die Kabinentür. Das ist das Signal. Alle springen gleichzeitig auf, öffnen die Gepäckablagen, drängen mit ihrem  Handgepäck zum Ausgang des Flugzeugs als erwarte sie dort der erfrischende Wind einer duftigen Frühlingsnacht. Am Ausgang – das zeitgemäße Tor in die Stadt von 1001 Nacht – steht der Stellvertreter des Diktators mit einem herausfordernd Blick frech auf seinem Posten – das Schweizer Taschenmesser bleibt sein Spielzeug.  An ihm vorbei führt der Weg über die Schwelle der offenen Flugzeugtür hinunter auf das Rollfeld zum Bus, der die Passagiere zur Abfertigungshalle bringt. Das Atmen fällt schwer. Die Luft, die ihnen schwarz wie eine gläserne Wand entgegensteht, ist erstickend heiß. In ihr brütet das Ungeheuer. Es schweigt. Es droht. Es lauert. Kein Hauch, kein Laut, diese mondlose Nacht ist still, gespenstig still, totenstill. Lakonischer könnte es heißen: Die Nacht ist ein Brutkasten, windstill, unerwartet heiß und dunkel. Wieviel  heißer und heller wird es am Tage sein? In Frankfurt auf dem Flughafen wurden sie gefangen genommen, in dieser Glut werden sie die nächste Zeit gefangen gehalten. Es gibt keinen anderen Weg als den auf das Rollfeld. Die Passagiere sind erschöpft, gereizt, durstig, hungrig, die Nerven liegen blank. Das Ende der Reise dehnt sich aus, wird zur Tortur. Im Bus brennt kein Licht, die Scheinwerfer sind abgedunkelt. Der Fahrer hinter dem Steuer meint ein wild gewordenes Kamel zu reiten und lässt die Zügel los. Die Fahrt über das Rollfeld gerät zum unfreiwilligen Veitstanz, schüttelt, rüttelt müde Körper haltlos durcheinander. Köpfe wackeln, Schultern stoßen, Bäuche reiben sich in unerträglicher Enge aneinander bis dass der Bus hart bremst, hält, seine Fracht freigibt. Betäubt taumelt eine wilde Horde Männer aus dem Bus, rennt mit Handgepäck in die stickige Abfertigungshalle voller Dreck, drängt, schiebt, drückt sich auf den wartenden, wachsenden Haufen Menschen vor die Passkontrolle. Überall schauen sie auf goldgerahmte Fotografien, die in unterschiedlichen Posen und Verkleidungen mit großem Mund, engstehenden Augen, starrem Blick denselben, schnauzbärtigen Mann zeigen. Die Masken der Macht sollen beeindrucken, mal im modischen Anzug mit breiter Krawatte als weltläufiger Agent, dann im Kleid eines Beduinen als stolzer Wüstenbewohner oder als wehrhafter Soldat in olivfarbener Uniform mit Barrett auf dem Kopf. Seine rechte Hand am Gürtel ruht sicher auf dem Griff eines  Revolvers: Willkommen in Mesopotamien, das ist Saddam Hussein, der absolute Herrscher des wiedererwachten assyrischen Großreiches - oder handelt es sich um Doppelgänger?


Nichts geht mehr. Das Abgeben, Aufklappen der Pässe, Prüfen, Bestätigen des Einreisevisums, Stempeln, Eintragen des Einreisedatums, Zuklappen, Aushändigen des Dokumentes sind ein Ritual. Die Zeremonie zieht sich endlos hin. Sie erinnert an die Schikanen der DDR in Marienborn oder Berlin-Dreilinden. Das Fließband in der Gepäckausgabe steht ewig still. Plötzlich dreht es sich magisch quietschend leer um sich selbst. Dann endlich stürzen prall gefüllte Koffer aus einem dunklen Schlund auf das schwarze Band, platzen auf. Würste, Dosen, Kleider fallen heraus. Der grüne, große Koffer taucht auf. Ein bekanntes Gesicht zeigt sich in der Eingangshalle hinter der Glastrennwand: Auch diese moderne Wand aus Glas ist ein Schaufenster. Déja vu ohne Hut, man kennt sich aus Berlin.Wer zur Begrüßung seine Hand ausstreckt, sie erleichtert gegen eine gläserne Wand drückt, der wird vermutlich mit dieser spontanen Geste seiner Freude über seine Ankunft Ausdruck verleihen, wahrscheinlich auch prüfen wollen, ob diese Welt, in die er verbracht wurde, tatsächlich besteht, vielleicht hoffen, hinter dem Schaufenster eine bessere Welt vorzufinden. Diese Geste bleibt unerwidert. Über den aufgeweichten Asphalt einer breiten, mehrspurigen Straße rollt der japanische Geländewagen langsam durch die rußschwarze Nacht vom Flughafen ins Quartier. Der Lichtkegel der schwachen Scheinwerfer streift rechts und links über Sand und Geröll. Die Straße nach Bagdad führt durch flaches, wüstenartiges Gelände. Mehr ist nicht zu erkennen. Kein Licht, kein Baum, kein Schild, kein Haus, kein Hinweis auf die Stadt, wo sie beginnt oder liegt. Eine Stadt im Krieg versteckt sich im gespenstischen Dunkel einer schwülen, heißen Nacht trotz Radartechnik, mit deren Hilfe jedes Flugzeug sicher zum Ziel gelangt – wie auch das in dieser Nacht Ende April trotz des Krieges zwischen dem Irak und Iran sicher in Bagdad gelandete Flugzeug aus Frankfurt. Vor nicht langer Zeit soll eine Bombe auf ein Wohnquartier am Stadtrand abgeworfen worden sein. Es gibt Gerüchte, dass die Front näher rückt, die iranische Artillerie bald Bagdad beschießen wird. Ist Bagdad eine Stadt im latenten Ausnahmezustand einer fiktionalen Kriegspropaganda?


Dann erscheinen schemenhaft rechts und links zurückgesetzt von der mehrspurigen Straße niedrige, weiße Mauern, hier und da mit  vergitterten Fenstern. Das Auto biegt links ab in ein Wohnquartier, wendet an der nächsten Kreuzung, fährt zurück auf einen Parkplatz, hält vor einem großen kistenartigen Gebäude mit einem vorgesetzten, zylinderförmigen Treppenturm. Der unbeleuchtete Eingang führt vorbei an einer schwarzen Öffnung unter dem ersten Treppenabsatz, aus der ein bärtiger Mann im weißen, langen Beduinenkleid hervortritt.  He will stay here for longer, wird ihm erklärt. Er nickt freundlich. In einem klapprigen Aufzug geht es hinauf in den letzten Stock. Vom Aufzug geht es weiter über eine Brücke durch eine Tür in einen kurzen schmalen Flur, der auf einem überdachten Innenhof endet. Um diesen Innenhof oben auf dem Dach über einem großen Supermarkt wohnt auf mehrere Wohnungen verteilt das Planungsteam. Rechts aus einer Tür tritt ein junger Mann. Er trägt eine Hornbrille, sein schwarzes Haar lang,  kurze Hosen und ein leichtes Hemd, an den Füssen Sandalen. Er scheint auf das Eintreffen des neuen Mitarbeiters gewartet zu haben. Er ist Bzwei, der Planungsteamsprecher, die rechte Hand von Beins, der Planungsteamleiterin, welche Ceins, den neuen Mitarbeiter vom Flughafen ins Quartier gebracht hat und ihn vorstellt. Vielleicht verführt die Erschöpfung eine langer Reise zu einer überflüssigen, unbedachten Aussage derart wie sie der neue Mitarbeiter gegenüber dem Planungsteamsprecher auf Grund der gegenseitigen Inaugenscheinnahme äußert und dieser noch nach Jahren erinnert:

Er solle ihm, dem Planungsteamsprecher, anlässlich ihrer ersten Begegnung mit Eintreffen im Quartier des Planungsteams auf dem Dach eines Supermarktes in Bagdad Al Mansur nach der Begrüßung entgegnet haben: Sie haben Angst vor mir. Warum wartet Bzwei in seiner Wohnung bis nach Mitternacht auf das Eintreffen von Ceins? Warum fragt Ceins Bzwei vor dessen Wohnungstür oben auf dem Dach eines Supermarktes mitten in der Nacht eines sehr heissen, sehr stillen Aprilmorgens vor langer Zeit in Bagdad nicht: Haben Sie vielleicht Angst?


Wahrscheinlich will Ceins sich nach der langen Reise nicht weiter aufhalten lassen, will irgendwo ankommen, will endlich an einem Ort eintreffen, für sich sein und ein wenig Ruhe finden. Bzwei schlägt Ceins vor, sich für den kommenden frühen Nachmittag am Ufer des Tigris zu verabreden, um ihm auf einer Bootsfahrt seine Sicht auf das Stadtsanierungsprojekt Al Karkh näher zu erläutern und sich kennenzulernen. Dann wünschen sich beide eine geruhsame Nacht; Ceins nimmt sein Gepäck und folgt Beins über den Innenhof links durch die erste Tür in das hintere Zimmer am Ende des Flurs einer kleinen 2 Zimmerwohnung mit Bad, Küche und Loggia. Im anderen Zimmer schläft bis zur Rückkehr eines Stadtplaners aus Dublin vorübergehend ein Kollege aus Berlin, der seit vorgestern in Bagdad weilt. Es empfiehlt sich, während der ganzen Nacht den Ventilator laufen zu lassen, es wird sonst zu heiß und eine Klimaanlage gibt es nicht. Um 9 Uhr wird unten ein Taxi warten, das fährt einen ins Planungsbüro auf die Haifa Street. Die Arbeit beginnt um 10 Uhr, erklärt Beins noch und geht. Das Zimmer scheint schon lange nicht mehr bewohnt worden zu sein. Es ist eine kleine Zelle, karg, schmutzig und dürftig eingerichtet: Ein Stuhl, ein Schrank, ein schmales Bett, ein Ventilator, ein Fenster mit blechernen Fensterläden, staubige, rohe Betonplatten auf dem Boden, weiße Wände, ein funzeliges Deckenlicht. Durch das aufgeklappte Fenster dringt kein Laut. Bagdad schweigt. Ist diese Unterkunft ein Asyl für Obdachlose?


MS_26.07.2014